28.10.2007

Naturkatastrophen, Baseball, Wetter im Badezimmer

Wieder geht eine Woche zuende …


Kawasaki. 23.10.07.

Curry-Reis-Party im Wohnheim! Das heißt Flate-Rate-Saufen! Ja, ich habe auch meine üblichen Wohnheimpartyfreunde wiedergetroffen, mit denen ich normalerweise nichts zu tun habe. Und eine weitere Japanerin, die Deutsch lernt! Aber die wirkte auf mich sehr depressiv und hat sich auch danach nicht mehr gemeldet. Mein persönliches Highlight war, dass mir ein besoffener Vietnamese „Sonne“ von Rammstein vorgesungen hat.


Kawasaki. 24.10.07.

Ich hab endlich von dem „Wir-helfen-Ausländern“-Zirkel der Keiô einen Konversationspartner bekommen! Er hat mir eine SMS geschrieben, in der er sich vorgestellt hat. 19 Jahre, kommt eigentlich aus Osaka, sehr kommunikativ und freundlich. Sein Name: Akino! Ich habe rumgerätselt … ja, das ist ein weiblicher Name! Juhu, endlich sollte ich mal eine Japanerin kennen lernen, die kein Deutsch spricht! Viele Beziehungen haben als Gesprächspartner angefangen …

Okay, als ich die SMS zum dritten Mal gelesen habe, ist mir zum Glück aufgefallen, dass Akino in Wirklichkeit Akinobu heißt (ich hab die letzte Silbe übersehen, weil sie nach einem Zeilenumbruch stand). Also doch männlich … mittlerweile weiß ich aber, das grundsätzlich keine gemischten Konversationspaare zusammengeführt werden.

Ich habe mich dann auch mit Akinobu getroffen. Ein Hiphop-mäßiger Vogel, der wirklich sehr nett ist. Aber leider verstehe ich ihn nur sehr schlecht, weil er ein bisschen mit Osaka-Betonung spricht. Nach dem Treffen hat er mir noch eine SMS geschrieben, wie lustig das Treffen gewesen wäre und wie sehr er sich auf das nächste freue.


Überall in Japan. 27.10.07.

Japan ist bekanntlich das Land der Naturkatastrophen. Aber eben leider nur bekanntlich und nicht in der Realität. Ich warte jetzt seid fast zwei Monaten auf mein erstes Erdbeben oder zumindest einem Besuch von Godzilla, aber nichts dergleichen!

Bis zu diesem Tag!

Etwa 100km vor der japanischen Küste gab es einen Taifun! Das heißt, es hat hier etwa zwei Tage lang ununterbrochen geregnet, der Himmel vor dunkel, als wäre es Nacht, und der Wind fegte mit Lichtgeschwindigkeit über das bergige Festland. Okay, das Beste waren eigentlich die jüngeren Japanerinnen, die immer lauthals vor Entsetzen schrieen, als ihre Regenschimmer auseinander flogen. Ansonsten fielen noch eine Menge Zuge aus, weswegen ich nicht einkaufen gehen konnte. Aber insgesamt doch eine überschaubare Naturkatastrophe, nur leider brauchte meine Kleidung einen ganzen Tag, bis sie endlich wieder getrocknet war.


Kawasaki. 26.10.07.

Nach dieser beeindruckenden Naturgewalt noch eine kleine erheiternde Banalität: Hae In hat mich abends angerufen, weil sie ein großes Problem hatte und unbedingt meine Hilfe brauchte. Die Glühbirne in ihrem Badezimmer war kaputt.

Aber bis ich das verstanden habe! Zuerst hat sie mir etwas von „tenki“ (Wetter; Licht wäre „denki“, war wahrscheinlich mein Fehler), in ihrem Badezimmer erzählt. Ich versuchte ihr zu erklären, dass in ihrem Badezimmer, weil das ein geschlossener Raum ist, kein Wetter sein kann. Dann hat sie es auf Englisch versucht und mir von „right“ erzählt („light“, das L-R-Problem, ihr wisst schon). Wieso rechts? … Irgendwann hab ich es aber zum Glück gerafft. Jetzt könnt ihr euch vorstellen, wie die Gespräche zwischen ihr und mir immer ablaufen.

Jedenfalls, ihr Problem war, ob sie besser den Hausmeister fragen soll, ob er Glühbirnen hat, oder besser selber eine kaufen gehen soll. Schwerwiegendes Problem, nicht? Na ja, wenn man den ganzen Tag japanische Gesetzesbücher liest, dann kann es leicht passieren, dass man an banalen Fragestellungen des Alltags verzweifelt.

Übrigens behauptet sie, jeden Abend bis 1 Uhr zu lernen, um 7 Uhr aufzustehen und weiter zu lernen. Ich lerne jeden Abend nur bis 6 oder 7 Uhr.


Baseballstadion von Gaienmae. 28.10.07

Das große Keiô-gegen-Waseda-Baseballspiel! Zur Erklärung, die Waseda ist unsere Konkurrenz-Uni, die aber leider mittlerweile besser in Rankings und so geworden ist.

Das Spiel war wirklich anstrengend. Wenn das eigene Team dran ist, muss man aufstehen und klatschen, wenn die Gegner dran sind, im Sitzen klatschen. Das dann über 4 Stunden lang. Ja, man muss auch dem Gegner Glück wünschen, dafür schick er aber auch mal kurz seine Cheerleader in den anderen Fanblock zum Tanzen vorbei.

Am Ende haben wir natürlich 1:0 gewonnen.


Shibuya. 28.10.07.

Ich war nach dem Spiel noch mal kurz einkaufen. Es gibt tatsächlich keinen vernünftigen „Business-Gürtel“ in meiner Größe. Nur Idiotengürtel oder welche für Adipositas-Leute. Na ja, am Ende habe ich mir dann eine Oberstylerjacke für etwa 60€ gekauft, die eigentlich viel zu cool ist um sie anzuziehen.

Mein großes Problem ist, dass ich mich entscheiden sollte, ob ich lieber einen auf Oberstyler oder Business-Man machen will, damit ich das Richtige einkaufen kann. Da ich im Moment noch in beide Richtungen einkaufe, kriege kein komplettes Outfit zusammen.

Okay, neben diesem schwerwiegenden Problem habe ich zufällig auch die Rotlichtstraßen in Shibuya entdeckt. Ich muss sagen, dass diese Stundenhotels gar nicht so teuer sind, wie es immer heißt. 2 Stunden etwa 20€ in einem unspektakulären Zimmer, 3 Stunden 25€.

Es ist übrigens für Leute, die nicht gut Japanisch können, sehr irreführend, dass viele, ich glaube, es waren Sexshops, als Ladenaufschrift „Kostenlose Information“ haben. Dieses
„Information“ ist dasselbe wie bei Touristeninfoläden.


Kawasaki. 28.10.07.

Und dann noch was Kurioses: Ein unbekannter Japaner hat mich aufm Handy angerufen und sagte, dass sei die Nummer seiner chinesischen Freundin. Er wollte mir nicht glauben, dass er sich verwählt hat und behauptete zeitweise, ich müsste seiner Freundin das Handy geklaut haben. Nach 10 Minuten konnte ich den Typen endlich abwimmeln, ich habe mich leider nicht getraut nach guter deutscher Manier einfach aufzulegen.


Ach, Kamera, ja, vielleicht nächste Woche mal …

20.10.2007

Bügeleisen, Wordtank, Vegetarisch

Hallo!

Obwohl ich eigentlich total keine Zeit habe, schreibe ich mal kurz was, bevor alles, was mir widerfährt, auch für mich selbst in der Vergessenheit verschwindet.

Ich will auch das große Vorurteil widerlegen, dass der Sprachkurs auf der Keiô so unglaublich schwer sein soll. Er ist ehrlich gesagt, nicht wesentlich schwerer als damals bei Fujita. Der große Unterschied ist nur, dass man hier alle Hausaufgaben etc. wirklich(!) machen muss. Alles wird eingesammelt, überprüft und benotet. Wenn man Fehler hatte, muss man die entsprechende Aufgabe (bzw. den Teil der Aufgabe) noch mal neu machen.

Es ist natürlich richtig unpraktisch, wenn man so blöd wie ich ist und dazu noch einen extra schweren Kanjikurs als Wahlpflichtfach nimmt. Ich eröffne bald im StudiVz die Gruppe „Kanji sind besser als Frauen“.


Yokohama. 9.10.07

Ich habe mir ein Bügeleisen gekauft. Jetzt lerne ich Bügeln. Das klappt auch eigentlich recht gut, nur ein ganz kleines Malheur ist mir widerfahren: Als ich fertig war, habe ich das Bügeleisen, nachdem es abgekühlt war, wieder zurück in den Schrank gestellt, wo auch die Uni-Unterlagen drin liegen. Jedoch habe ich vergessen, den „Dampfknopf“ wieder zu deaktivieren, soll heißen, das Scheißding ist ausgelaufen.


Keiô. 10.10.07

Ich habe einen Tandempartner kennen gelernt! … sehr stylisch gekleidet, spricht gut deutsch, ist sehr freundlich … ist aber männlich und heißt Takanori. Er war ein Jahr als Austauschstudent in Bonn und studiert eigentlich Wirtschaft.


Keiô. 12.10.07

Ich muss euch die Geschichte von Piketto-san erzählen. Piketto-san heißt im wahren Leben John Picket, ist Amerikaner, sieht aus wie eine Mischung aus Benjamin Rooney und Terence Hill (wenn ihr einen von beiden kennt, müsste das für ein grobes Bild ausreichen).

Piketto-san fiel zunächst dadurch auf, dass er ständig im Unterricht eingenickt ist. Als eine Dozentin ihn mal freundlich daraufhin gewiesen hat, meinte er, er würde in der Pause einen Kaffee trinken. Nach der Pause fielen ihm allerdings wieder die Augen zu und er bekam die Empfehlung, doch bitte etwas mehr zu schlafen.

Er lernte aus seinem Fehler und setzte sich nie wieder in die erste, sondern nur noch in die letzte Reihe, wo er von nun an gemütlich ratzen konnte.

Allerdings zeichnet sich Piketto-san noch durch eine weitere signifikante Charaktereigenschaft aus, die dem Klischee-Japanologen wunderbar entspricht: Er ist ein Otaku! Ja, er liest immer (vor dem Unterricht, während des Unterrichts, nach dem Unterricht in der Mensa …) Mangas.

Nun sind ebensolche Otakus ja bei dem Japanern besonders beliebt. In Deutschland könnte man das, was die Dozenten mit ihm machen, durchaus als „Mobbing“ bezeichnen. Wenn Piketto-san Beispielsätze erfinden soll und nicht sofort etwas antwortet, kommen so schmeichelhafte Vorlagen von den Dozenten wie „Weil Piketto-san Mangas mag, liest er sie von Morgens bis Abends“ oder „Früher waren die Mangas nicht so beliebt, aber heute liest sie jedes Kind“.

Wo ich gerade von meinem Sprackkurs erzähle, ein weiterer kurioser Teilnehmer ist Kim-san. Ein etwa 30jähriger, leicht machohafter Koreaner, der nur jedes zweite Mal zum Unterricht erscheint und immer so grandiose Beispielsätze erfindet wie: „Die besten Frauen der Welt sind Koreanerinnen.“ – „Ich lerne Japanisch, um mich mit Japanerinnen zu unterhalten.“ – „Wenn man zu viel trinkt, läuft man Gefahr, morgens neben einer hässlichen Frau aufzuwachen.“


Shibuya. 14.10.07.

Ich kaufe mir eine Hose aus tasmanischer Schafswolle. Toll, nicht?


Ikebukuro. 15.10.07.

Ikebukuro ist ein Einkaufsviertel ziemlich im Norden, über eine Stunde Zugfahrt für mich. Dort habe ich mich mit Takanori getroffen, er sollte mir dabei helfen, einen Übersetzungscomputer (Wordtank) zu kaufen.

Das ging am Ende wesentlich leichter als erwartet. Es gab in drei großen Geschäften jeweils dieselben beiden Modelle zum jeweils exakt gleichen Preis. Die 150-€-Variante für arme Schlucker, und die 300-€-Prollo-Variante mit Kanji-Aufmal-Touchpad, großem deutschen Wörterbuch, englischen Wörterbuch, Japanisch-Japanisch(e Worterklärung)-Wörterbuch … Ihr wisst schon, welche ich mir gekauft habe.


Hiyoshi. 15.10.07.

Ich bin noch mal mit Hae In weggegangen, aber diesmal war es irgendwie langweilig. Sie hat von ihrem Bier nur ein Viertel ausgetrunken, dadurch konnte ich mir aber immerhin das Geld für ein zweites sparen. Übrigens ist es in Japan und Korea eigentlich sehr unschön, sein Getränk weiter zu reichen oder andere Leute, auch Freunde, für Zigaretten anzuschnorren. Ich habe Yakitori gegessen, das heißt „gegrilltes Huhn“, schmeckt aber nicht so spektakulär. Na ja, bei dem Treffen war echt irgendwie gar nichts passiert, nur dass wir irgendwann mal zusammen was Deutsches kochen wollen und vielleicht irgendwann mal zusammen nach Kamakura fahren, das ist eine halbe Stunde Zugfahrt und da kann man sich Tempel angucken.


Keiô. 16.10.07

Der Zeitungslektürekurs ist sehr unterhaltsam. Der Dozent erinnert mich ein bisschen an Shimada und wirkt immer besoffen. Er gibt uns interessante Einblicke in die Gedankenwelt der Japaner. Auf der Keiô sind, laut ihm, nur Dummköpfe mit reichen Eltern, die die viel zu hohen Studiengebühren bezahlen können. Die Schlaueren, die die zentrale Aufnahmeprüfung für alle Studenten besser bestanden haben, dürfen auf die billigere staatliche Universität gehen, die auch einen besseren Ruf hat. Bei den Mädchen, die auf die Keiô-Highschool gehen, sieht es aber anders aus. Da die Highschools in der Umgebung alle etwa gleich sind, gehen die meisten zur Keiô, weil dort die Schuluniform schöner ist.

Ich will dazu noch anmerken, dass die Keiô-Schulmädchenuniform äußerst langweilig ist. Ein
weißes Hemd, darüber ein dunkelblauer Pullover und untenrum ein langer schwarzer Rock.


DAAD-Zentrum. 16.10.07.

Ich habe mal wieder meinen Geldgeber besucht. Jetzt weiß ich auch, dass mich u.a. die deutschen Steuerzahler finanzieren (neben den japanischen Steuerzahlern). Deshalb sollte ich ab jetzt noch arbeitsmotivierter sein … na ja, sollte …

Am Ende gab es vegetarisches Obentô (Lunchpaket, allerlei obskure Snacks in einer Holzschachtel). Ich habe gelernt, „vegetarisch“ heißt in Japan, dass das Essen keinen Fisch enthält. Rindfleisch, Garnellen und Fisch(!)paste sind demnach vegetarisch. Also ernähre ich mich nach japanischer Definition vegetarisch. Gut zu wissen.


Danach ist bis jetzt nicht mehr viel passiert, ich lerne halt größten Teil der Zeit. Bis bald!


07.10.2007

Frisör, Mäckes, DAAD, Welcome-Party ...

Hallo liebe Kinder!

Eine Woche voller spannender Ereignisse liegt hinter mir …

Okay, ich will ehrlich sein, da war so gut wie nichts. Ich stehe um halb sechs morgens auf, bevor ich zur Uni gehe, kaufe ich mir ein Onigiri (ein Klumpen Reis in Algen eingewickelt) als Frühstück. Ich quetsche mich in die vollen Bahnen, habe bis zwölf etwa Unterricht. Ich esse in der Mensa meistens Curry-Reis, gehe zum folgenden Unterricht oder in die Bibliothek zum Lernen. Aber es kommt auch sehr oft vor, dass ich in der Bibliothek einschlafe. Das geht leichter, als man denkt. Abends quetsche ich mich noch mal in die Bahn, gehe vielleicht noch Lebensmittel einkaufen, mache noch ein bisschen Hausaufgabe oder lerne und gehe um so halb elf schlafen. Montag bis Samstag. Total langweilig, wie ich gesagt habe.


Mita. 1.10.07.

Nach der Uni habe ich mich endlich mal wieder getraut, zum Frisör zu gehen. Ein Kanadier meinte vorher zu mir, ich sähe „bohemian“ aus. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und habe mir einen Haarschneidespezialistin gesucht, der 30 € gekostet hat. Ums kurz zu machen, ich sehe natürlich immer noch so aus wie immer, aber die Haare sind sehr gleichmäßig und schön geschnitten. Für die 30 € durfte ich mir auch ein Shampoo aussuchen, es gab 12 Düfte zur Auswahl. Ich habe mich für Hibiskus entschieden, weil das das Einzige war, was ich verstehen konnte.

Anschließend bin mal zu Mc Donald’s gegangen. Ein Cheeseburger kostet nur 60 Cent etwa, eine kleine Pommes aber 1,20 €, das ist seltsam, deshalb esse ich hauptsächlich Cheeseburger. Mit „hauptsächlich“ meine ich so alle 3 Tage ein paar von den Dingern. Die schmieren hier mehr Ketchup drauf als in Deutschland, das finde ich gut.


Mita. 5.10.07.

Aber ich ernähre mich auch manchmal richtig. Ich habe zum Beispiel mit Hae In zusammen Ramen gegessen. ECHTES! Nicht diese Instant-Spaghetti mit Sojasoße aus Deutschland. Aber um ehrlich zu sein, schmecken diese mir doch ein bisschen besser. Aber das echte Ramen ist auch nicht so schlecht, das Komische ist nur immer, dass man nie so genau weiß, was man gerade isst. Das Fleisch kann man meistens noch Fisch, Rind oder Schwein zu ordnen, aber die pflanzlichen Zutaten könnten alles Mögliche sein (vorrausgesetzt, sie sind wirklich pflanzlich). Leider entfernen Japaner nie das Fett von Fleischstücken.

Ich habe ein normales Ramen gegessen, während Hae In mir mal wieder zeigen wollte, dass Asiaten scharfes Essen gewöhnt sind und bestellte sich ein scharfes. Mein normales war schon recht scharf, schärfer als das deutsche Instant-Ramen in der roten Verpackung; ihr kennt das sicher. Ich habe aber alles aufgegessen, und Hae In, na ja, die hat die ganze Zeit Wasser getrunken, sich die Tränen aus den Augen gerieben und rumgeheult, wie scharf ihr Ramen doch wäre. Es ist mir leider nicht gelungen, meine Schadenfreude zu unterdrücken. Hae In erklärte mir, dass das koreanische Ramen auf eine andere Art scharf wäre und vergleichbaren Blödsinn …


Keiô. 3.10.07

Ich stehe nichtsahnend am Abend auf dem Campus und rede mit einem koreanischen Austauschstudenten aus meinem Wohnheim, als plötzlich ein bekanntes Gesicht erscheint. Prof. Dr. Mae! Niemand hat mich vorher gewarnt, dass auch sie momentan auf der Keiô ist. Sie macht hier irgendwas mit Forschung bis Dezember. Ich musste vom Sprachkurs und so erzählen. Alles zu schwer und arbeitsintensiv, mehr kann man dazu nicht sagen.


DAAD-Zentrum. 4.10.07

Der DAAD hat mich zu einem Vortrag über „Forschungsmarketing in und für Deutschland“ [Titel vereinfacht] eingeladen. Als braver Stipendiat bin ich natürlich hingegangen (die letzte Veranstaltung habe ich schon sausen lassen, deshalb musste ich da unbedingt mal vortanzen, um bei denen nicht in zu viel Ungnade zu fallen). Glaubt ihr, dass dieser Vortag interessant war? Da ich ein seriöser Stipendiat bin, war dieser Vortrag selbstverständlich à la bonheur. Leider konnte aber nicht zur Aftershowparty dableiben, da mein Nachhauseweg etwa zwei Stunden betrug und am nächsten Morgen natürlich wieder einmal um 9 Unterricht war. Schade.


Saiwai-Bezirksverwaltung. 5.10.07

Ich habe meine Ausländerregistrierungskarte abgeholt. Das ist eigentlich nicht erwähnenswert, aber das Ding hat einen sehr lustigen Namen: Alien Registration Card. Ich bin also ein Alien für die Japaner, interessant …

Bei der Rückfahrt mit dem Bus habe ich endlich mal wieder den sagenumwogenen Ausländerbonus erlebt. Weil ich kein Kleingeld mehr hatte, habe ich den Busfahrer gefragt, ob ich auch mit meiner Bahnfahr-Prepaid-Karte bezahlen könnte. Er meinte ja, aber es wäre auch okay, wenn ich nichts bezahlen würde. So durfte ich schwarzfahren.


Keiô. 5.10.07

Am Abend war die Welcome-Party für die ausländischen Studenten. Das Ganze war sehr prunkvoll, mit Kapelle, Kimono-Ausführung, langer Begrüßungsrede und riesigem Buffet. Aber weil die meisten Ausländer und Japaner leider sehr verfressen sind, war das Buffet bereits nach sehr kurzer Zeit weg. Ich konnte mir aber zum Glück ein bisschen Bier ergattern. Nach dem dritten Glas (es war ja schließlich kostenlos), stand – oh Schock! – wieder Prof. Dr. Mae vor mir und wollte mit mir auf Japanisch sprechen. Aber ich hatte diesmal ungewartetes Glück: Ich hatte eigentlich mit Adam (einem australischen Austauschstudenten aus meinem Sprachkurs) gesprochen, und dieser hat dann, obwohl er sie gar nicht kannte, Prof. Dr. Mae über sein Leben hier zugelabert. Solange, bis sie freiwillig wieder gegangen ist.

Ich will noch kurz diesen Adam ein bisschen beschreiben. Er ist 34 und war, bevor er angefangen hat, Japanisch zu studieren, Ranger auf einer kleinen Naturschutzgebietinsel in Australien. Er sieht genauso aus, wie man sich einen Ranger vorstellt. Recht trainiert, etwas kantig, sehr maskulin. Hae In schien ihn übrigens auch ein bisschen zu mögen. Adam hat aber den Nachteil, dass er ein ungeheures Mitteilungsbedürfnis hat und auch im Unterricht fast ununterbrochen (mit dem Lehrer) redet.

Es gab auch noch eine Aftershow-Party mit Flatrate-Saufen, aber da ich am nächsten Tag um 9 Uhr Unterricht inklusive Kanjitest hatte, konnte ich mich daran leider nicht beteiligen. Es soll sehr lustig gewesen sein, habe ich gehört.

Übrigens habe ich auch gehört, dass es auf dieser Welcome-Party viele Ausländer-phile Japanerinnen gegeben haben soll, die um Annäherung bemüht gewesen sein sollen. Aber da ich die ganze Zeit mit Hae In rumstand, ging so was an mir vorbei.


Yagami. 6.10.07

Am Morgen bin ich mit diesem Koreaner, der bereits bei meinem ersten Treffen mit Prof. Dr. Mae anwesend war, zusammen zur Uni gefahren. Leider habe ich ehrlich gesagt seinen Namen wieder vergessen. Irgendwas mit „Wang Wang“. Jedenfalls hat er mir eine sehr interessante Frage gestellt: Er erzählte mir, weil er Koreaner ist, wäre es für ihn ja kein so großer Unterschied, ob seine Freundin Koreanerin, Japanerin oder Chinesin wäre. Für mich aber, als Europäer, müsste es doch sicher ein großer Unterschied sein, ob meine Freundin ebenfalls Europäerin oder eine Japanerin wäre. Obwohl ich diese Überlegung durchaus interessant fand, habe ich einen auf Klaus Kinski gemacht und meinte nur, ich würde die Frage nicht verstehen.


Shibuya. 6.10.07

Das große Trinken-Gehen zwischen mir und Hae In sollte anstehen! Aber vorher mussten wir noch einkaufen gehen. Sie musste bei Zara etwas umtauschen und ich habe mir eine Weste und ein Hemd gekauft. Die Preise waren nur ein paar Euro billiger als in Deutschland.

Übrigens, Tobias, falls du das hier liest, es handelt sich bei dem Hemd tatsächlich um das Schwarz-weiß-gestreifte, das du mir damals in Düsseldorf empfohlen hast.

Nach dem sehr zeitaufwändigen Einkaufen (ich bin dabei nicht so schnell) gingen wir zu Mc Donald’s (mal wieder). Ich hätte Hae In gar nicht so gewöhnliche und vor allem westliche Küche zugetraut.


Hiyoshi. 6.10.07

Hiyoshi muss man nicht kennen, ist ein belebteres Viertel von Kawasaki als Yagami, wo ich wohne. Ein bisschen mit Düren vergleichbar. Hae In suchte uns eine japanische Kneipe aus. Wir aßen Salat und tranken Ume – by the way, den besten Ume, den ich je getrunken habe.

Hae In hatte mir vorweg erklärt, dass sie nach einer Flasche Bier immer kotzen muss. Ich habe ihr daraufhin erklärt, dass es in Deutschland, vor allem für Frauen, äußerst unschön ist, anderen etwas über das eigene Kotzverhalten mitzuteilen.

Weitergehend wird sie von Alkohol immer müde. Na ja, ich habe sie lange bequatscht und ihr angeboten für sie zu zahlen, aber es blieb bei dem einen kleinen Ume. Ich meinerseits gönnte mir noch zwei große Bier. Aber leider habe auch ich keinen angemessenen Alkoholpegel erreichen können. Zumindest hat sie mir ein Bier zur Hälfte bezahlt.

Wo wir gerade von Geld reden – dieses Treffen war kein Date oder so! Ich wollte das nur sagen, bevor wieder so Leute wie Ulf hierzu Fehlinterpretationen anbieten. Bei einem richtigen Date mit einer Japanerin oder Koreanerin, bezahlt immer die Frau.

Ich habe mit Hae In viel über ihr Verhältnis zur westlichen Welt gesprochen. Sie mag eigentlich nichts aus dem Westen, nur Guns’n’Roses, Beethoven, Schubert und deutsche Märchen von Andersen. Okay, ich kannte im Gegenzug aus Korea nur den Film „Seom die Insel“ und die Band BoA.

Aber, wodurch sie bei mir hundert Sympathiepunkte gewonnen hat, sie musste in der Schule „Der Tempelbrand“ (Kinkakuji) von Mishima Yukio lesen und sie fand es gut. Sonst liest sie aber nur Gesetzbücher für ihr Studium. Nach dem Studium (in einem Jahr ist sie fertig und heißt dann voraussichtlich „Dr. Jeong“) will sie übrigens in Japan als Uni-Dozentin für Jura arbeiten. Ich habe sie daraufhingewiesen, dass sie dann aber aus Gründen des Visums einen Japaner heiraten sollte. Sie will darüber einmal nachdenken.

Aber wir haben auch über interessante Dinge gesprochen wie erste/r Freund/in, Gesamtanzahl der Freunde/innen, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Treue bei Koreanern und Deutschen …

Alles war insgesamt sehr unterhaltsam, wir gehen irgendwann noch mal zusammen weg. Vielleicht will sie dann auch etwas mehr trinken.

Übrigens wollte hier auch ein Foto von ihr präsentieren, aber leider hat sie mir verboten, sie zu fotografieren. Irgendwann werde ich aber einfach mal eins von ihr machen, und wenn sie sich dann aufregen sollte, tue ich einfach so, als würde ich sie nicht verstehen. Das ist immer gut, wenn einem zu blöde oder private Fragen gestellt werden.

Bis nächste Woche, liebe Kinder!